23. Mai - 08. September 2019

19. Mai 2019

Perspektiven aus der Wirtschaft: Interview zum Thema SAP HANA und S/4HANA

ey_logoSAP HANA und SAP S/4HANA sind nach wie vor in aller Munde. In diesem Kontext haben auch wir damit begonnen, unser Kursangebot entsprechend neu auszurichten. Bereits im Wintersemester 2017/18 haben wir unseren TERP10-Kurs auf S/4HANA umgestellt. Im Sommersemester 2018 folgte dann die Umstellung unseres BW-Moduls. Auch redaktionell haben wir uns in einer fünfteiligen Artikelreihe bereits mit dem Themenkomplex rund um SAP HANA befasst und einen umfangreichen Einblick in die Geschichte, den Aufbau und die Funktionsweisen von SAPs neuer, wegweisender Datenbanktechnologie und der darauf basierenden Business Suite gegeben. Was uns nun noch interessiert hat: Wie geht die Wirtschaft mit der Umstellung auf das neue Kernprodukt der SAP SE um? Welche Vor- aber auch Nachteile sehen die Fachleute, die sich nun tagein und tagaus intensiv mit der Materie beschäftigen (müssen)? Um diese und weitere Fragen kompetent beantwortet zu wissen, haben wir mit Lars Eickmann und Markus Kleine-Voßbeck zwei Experten ausfindig gemacht, die es wissen müssen. Beide sind seit Jahren im SAP-Umfeld aktiv und bei EY (Ernst & Young) angestellt - einer der vier umsatzstärksten Wirtschaftschaftsprüfungsgesellschaften der Welt.


Markus Kleine-Voßbeck ist in der IT-Managementberatung mit den Schwerpunkten IT-Strategien, IT-Architekturen und Cloud Solutions tätig. Als Associate Partner bei EY ist er im Bereich Digital Business Services Mitglied des Leadership Teams und verantwortet den Ausbau der EY-Kompetenzen und -Kapazitäten im Bereich SAP-Technologieberatung. Dies umfasst insbesondere die Konzeption, Erstellung und das Testing von Lösungen auf Basis der SAP Cloud Platform und SAP Leonardo.

Lars Eickmann verantwortet gemeinsam mit seinem Kollegen Markus Heinen den Kompetenzbereich Digital Business Services bei EY für Deutschland, die Schweiz und Österreich (GSA). Neben den weiter oben bereits beschriebenen Themen begleitet er Kunden bei der End-to-End-Transformation mit SAP S/4HANA und SAP SaaS-Lösungen.



 

SAP hat sozusagen als Antwort auf die digitale Transformation eine neue Business Suite entwickelt. S/4HANA wird das Enterprise Resource Planning revolutionieren. Könnten Sie unseren LeserInnen kurz erklären, was S/4HANA ist und wo die Unterschiede zum ehemaligen SAP ERP-System liegen?

Markus Kleine-Voßbeck: S/4HANA ist das Nachfolgerelease vom ERP System R/3 (oder auch Enterprise Core Component ECC genannt ab der Version 6.0). Es handelt sich dabei um eine Neuimplementierung, die zum einen Optimierungen in der logischen Verarbeitung und des Programmcodes mit sich bringt. Zum anderen wurden die Datenzugriffe auf die Nutzung einer neuen Datenbank, nämlich SAP HANA ausgerichtet. Diese vereint mehrere Vorteile in sich. Unter anderem:
  • Laden der Datenbank in den Hauptspeicher und Verarbeitung der Datenoperationen im Hauptspeicher (In-Memory). Dadurch werden I/O-Intensive Schreib- und Leseoperationen auf die Festplatte vermieden, was zu einer erheblichen Steigerung der Geschwindigkeit führt.
  • Optimierte Speichernutzung durch eine spaltenbasierte Ablage der Daten und Komprimierungsmechanismen. Hierdurch werden zusätzlich Performance-Vorteile erzielt.
  • Darüber hinaus wird SAP HANA mit einer sehr umfangreichen Entwicklungsplattform ausgeliefert, die das Entwickeln und den Betrieb von Applikationen direkt auf der Datenbank ermöglicht.
Die Neuimplementierung des ERP-Systems (S/4HANA) macht sich diese neuen Techniken zunutze und arbeitet somit ein Vielfaches effizienter und mit optimierten Prozessabläufen im Vergleich zum Vorgänger.

Lars Eickmann: Ergänzen kann man hier noch, dass der Betrieb von Applikationsteilen direkt in der HANA-Umgebung weitere Geschwindigkeits- und Integrationsvorteile bringt. Zumindest die Anwendungen mit hohem Performance-Bedarf, wie beispielsweise der aus R/3 bzw. ECC 6.0 schon bekannte MRP-Lauf, sind in den aktuellen Release-Ständen auch bereits in die HANA-Umgebung portiert worden. Weitere werden folgen.

In welchen Unternehmensbereichen kommt die neue Datenbanktechnologie SAP HANA und konkret auch S/4HANA zur Anwendung?

MKV: Die HANA-Datenbank spielt ihre Stärken genau dort aus, wo wir es mit vielen Datenoperationen und großen Datenmengen zu tun haben. Also beispielsweise im Reporting. Hier bietet S/4HANA neue Möglichkeiten, denn durch den Effizienz- und Performancegewinn können nun Auswertungen direkt auf den Rohdaten stattfinden und müssen nicht erst in ein DW-System (Data Warehouse System) übertragen werden. Aber auch in anderen Bereichen profitieren Unternehmen davon. So zum Beispiel in Simulationen oder Prognoserechnungen.

Wo liegen aus Unternehmensperspektive die Vor- und eventuell auch Nachteile im Umgang mit S/4HANA?

MKV: Auf die Vorteile wurde ja bereits eingegangen. Wenn man so möchte, ist ein Nachteil, dass man auf S/4HANA nicht einfach upgraden kann. Technisch ist das zwar möglich, aber eine rein technische Migration ermöglicht nicht die Ausschöpfung des vollen Potentials. Da muss man schon auch an die Prozesse heran.
Zudem könnte die von SAP vorgenommene "Simplifizierung" von dem ein oder anderen als Nachteil gesehen werden. An einigen Stellen wurde der Funktionsumfang reduziert, um stabile Backend-Prozesse gewährleisten zu können. Ziel der SAP ist es somit, einen möglichst standardisierten Prozesskern auszuliefern. Spezialfunktionen und Erweiterungen liegen dann entweder in den Cloud-basierten SaaS-Applikationen aus dem SAP Digital Framework (zum Beispiel Ariba, SuccessFactors, Fieldglass und andere) oder werden über die Erweiterungs- und Integrationsmechanismen der SAP Cloud-Plattform realisiert.

LE: Software-Architekturen in Unternehmen werden sich wie von Markus beschrieben verändern. Das hat neben Vorteilen wie agileren Applikationslandschaften und schnelleren Implementierungszyklen selbstverständlich auch zunächst Nachteile wie beispielsweise Harmonisierungsbedarf von Unternehmensprozessen, die Notwendigkeit besserer Stammdaten für datengetriebene Geschäftsmodelle sowie generell das Management dieser Veränderungsprozesse. Zunächst sind also größere Investitionen notwendig, um die großen Vorteile letztlich nutzen zu können.

Wo liegen aus Anwenderperspektive die Vor- und eventuell auch Nachteile im Umgang mit S/4HANA?

MKV: Ein großer Vorteil für den Anwender sind in jedem Fall die vielen Fiori-Applikationen, die SAP mit S/4 ausliefert. Dies sind moderne, webbasierte (UI5) Nutzeroberflächen im Responsive Design, die sowohl mit dem klassischen PC- oder Laptop-Browser wie auch auf mobilen Endgeräten gleichermaßen genutzt werden können. Hiermit schafft es die SAP endlich, über den Ruf der schlecht zu bedienenden Oberflächen hinwegzukommen. Als Nachteil mag es empfunden werden, dass einige der gewohnten Transaktionen nicht mehr (im vollen Umfang) zur Verfügung stehen.

LE: Im Zielbild einer modernen Applikations-Architektur spielt auch eine große Rolle, dass der Anwender hinsichtlich Look & Feel sowie Integration gar nicht mehr wahrnehmen kann bzw. muss, in welcher Anwendung er sich gerade befindet.

Weshalb sollte ich mich bereits während des Studiums mit SAP HANA oder konkret mit SAP S/4HANA auseinandersetzen?

LE: Ich kann jedem nur raten, sich möglichst früh damit auseinander zu setzen, denn im Studium hat man oft eine eingeschränkte Perspektive auf bestimmte Teilfunktionen im Unternehmen, was im Sinne der Spezialisierung dort auch sinnvoll und richtig ist. Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich jedoch auch dadurch aus, dass die Integration von Spezialisten aus unterschiedlichen Gebieten dort oftmals besser klappt als bei anderen. SAP S/4 HANA als digitaler Kern von Unternehmen spielt da neben den handelnden Personen natürlich auch eine wichtige Rolle. Sich damit zu beschäftigen schärft das Verständnis, über Abteilungsgrenzen hinaus zu denken und diese Zusammenhänge zu verstehen. Eine wichtige Voraussetzung im späteren Berufsleben - nicht nur für künftige BeraterInnen oder IT-Spezialisten!

MKV: Wenn man sich für eine Karriere in der SAP-Beratung interessiert, dann sind SAP-Vorkenntnisse ein wertvoller Vorteil im Bewerbungsverfahren. Heute reden wir weltweit von ca. 50.000 produktiven Installationen. Diese werden über kurz oder lang nahezu alle auf das neue Release wechseln. Dabei entstehen oftmals riesige Migrationsprojekte mit mehreren Jahren Laufzeit und vielen Tausend Personenstunden Aufwand. Die Nachfrage nach SAP-erfahrenen BewerberInnen wird in den kommenden Jahren entsprechend hoch sein. Aber auch wenn man später nicht als BeraterIn arbeiten möchte, sind SAP Kenntnisse immer von Vorteil. Die Marktdurchdringung ist nun mal sehr hoch und früher oder später kommt man immer mal mit SAP in Berührung, ob als BeraterIn, AnwenderIn, Software-EntwicklerIn, ProjektleiterIn oder ManagerIn.

Im April 2018 organisierte erp4students gemeinsam mit einem Beratungs-Unternehmen eine Veranstaltung zum Thema Berufseinstieg in die IT-Branche. Mögen Sie vielleicht kurz Ihren beruflichen Werdegang beschreiben und unseren LeserInnen verraten, warum Sie sich für Ihren Job und diesen konkreten Karriereweg entschieden haben?

LE: Ich war schon mein ganzes Leben lang jemand, den "das Große und Ganze" mehr fasziniert hat, als in einem Bereich bis ins tiefste Detail Spezialwissen aufzubauen. Das ist ohne Wertung, denn natürlich braucht eine Gesellschaft beide Ausprägungen! Als Wirtschaftsingenieur mit hoher IT-Affinität habe ich für diese Interessen das entsprechend breit angelegte Studium gewählt. Böse Zungen behaupten ja, man könne dann alles ein bisschen aber nichts richtig. Schon in der Uni habe ich mich damals intensiver mit SAP R/3 beschäftigt und bin dann auch im Berufsleben von Beginn an damit konfrontiert worden. Besonders reizvoll finde ich bis heute, dass in unserem internationalen Projektumfeld Geschäftsprozesse und Organisationsthemen mit IT als effizientes und effektives Werkzeug verknüpft werden und trotzdem die Menschen, die in großen Unternehmen zusammenarbeiten, im Fokus stehen.

MKV: Für mich war schon in der Schule klar, dass ich beruflich in der Informatik arbeiten möchte. Während des Studiums zeigte sich meine Begeisterung für die Beratung. Immer neue Herausforderungen, neue Kunden, spannende Projekte und Reisen. Das hat mich damals sehr gereizt und tut es bis heute. Berührungspunkte mit SAP kamen erst später im Job dazu.

Thema Berufseinstieg: Als für wie wichtig erachten Sie Theorie- und Praxiskenntnisse im Bewerbungsprozess - in unserem Kontext besonders im SAP-Bereich?

MKV: Praxiskenntnisse sind oftmals das entscheidende Differenzierungsmerkmal. Für uns ist es eine Voraussetzung zu sehen, dass ein Kandidat/eine Kandidatin Grundlagen, Zusammenhänge und Konzepte theoretisch aus dem Studium verstanden hat. Die praktische Anwendung ist jedoch viel wichtiger. Dazu sind erste Praxiskenntnisse durch Praktika oder Werkstudierendentätigkeit als Nachweis für Erfahrungen unabdingbar. Das muss nicht zwingend immer im SAP-Bereich gewesen sein. IT-Affinität und analytisches Denkvermögen sind wesentlich. Diese lassen sich auch aus anderen Bereichen gut nach SAP übertragen.

Wir haben in der Vergangenheit häufiger festgestellt, dass sich auch fachfremde Studierende mehr und mehr für einen beruflichen Einstieg in die IT- und besonders die Beratungs-Branche interessieren: Welche Erfahrungen hat EY, aber auch Sie persönlich mit Quereinsteigern gemacht? Welche Tipps und Hinweise würden Sie beispielsweise Psychologie-, Germanistik- oder Sozialwissenschaftsstudierenden geben, die sich für einen Quereinstieg interessieren?

MKV: Diversifikation gehört zu den Werten von EY. Unsere BeraterInnen kommen aus allen möglichen Studienrichtungen. Klar bilden BWL und Informatikstudiengänge in unserem Bereich einen Schwerpunkt. Aber selbst wir haben auch MathematikerInnen, GeisteswissenschaftlerInnen und JuristInnen unter uns. Allen gemeinsam ist das Interesse für IT und die Gestaltung von Prozessen. Insbesondere heutzutage, im Zuge der Digitalisierung, sind IT-Kenntnisse unabhängig vom Studiengang wesentlich für das berufliche Fortkommen.
Neben der IT-Beratung bietet EY mit seinem breiten Spektrum an Services aber Platz für jede Studienrichtung. Ganz gleich ob in der IT-, Strategie, Prozess- oder Organisationsberatung. Gerade im Bereich Change Management sind die geisteswissenschaftlichen AbsolventInnen sehr gefragt.

LE: Wir suchen Menschen, die sich in einem spannenden und abwechslungsreichen Job engagieren wollen und Spaß dabei haben, Veränderung mit allen Facetten voranzutreiben. Dabei sind vielfältige Talente gefragt, insofern kann ich meinem Kollegen da nur zustimmen und jeden, der daran Interesse hat, auffordern, mit uns das Gespräch zu suchen!

erp4students bedankt sich herzlich für das Interview und wünscht Ihnen für die Zukunft alles Gute.

 

Hast du Fragen, wie Dein Berufseinstieg bei EY aussehen kann? Dann wende Dich gern an Markus.Kleine-Vossbeck@de.ey.com


Von Gohar Zatrjan & Daniel Schnaithmann


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© www.erp4students.de   Dienstag, 31. Juli 2018 09:50 ds
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