23. Mai - 08. September 2019

19. Mai 2019

Der unterschätzte Wert von Emotionen im Arbeitsalltag

achievementDer eine oder andere unserer LeserInnen wird sicherlich schon erste Erfahrungen in der beruflichen Welt gesammelt haben. Meist herrscht in den Unternehmen das Denken, dass Zahlen, Daten und Fakten die Wirtschaftswelt regieren. Sicher ist dieses Denken der Grund dafür, dass Mitarbeiterbindung ein so großes Thema bei vielen ist. Die Frage lautet also: Welche Faktoren – neben richtig guten Produkten und super Service – entscheiden darüber, ob ein Unternehmen erfolgreich ist?

Doch ist es euch im Allgemeinen schon in den Sinn gekommen, dass Emotionen im Arbeitsalltag von Bedeutung sein könnten? Emotionale Intelligenz rückt heute im Arbeitsleben immer mehr in den Vordergrund. Im Internet stößt man immer wieder und häufiger über Begriffe wie Resilienz, Agilität oder Sensibilität. Vor allem Führungspersonen sollen lernen, diesbezüglich Vorbildpositionen einzunehmen und Akzente zu setzen.

Denn durch die Aktivierung und den bewussten Einsatz von Emotionen trifft man Entscheidungen leichter, weil man nicht nur aus der eigenen Perspektive eine Entscheidung trifft, sondern sich in sein Gegenüber hineinversetzen und seine Sicht mit einbeziehen kann.

Carmen Uth von chancemotion ist Expertin für Emotionen und Rednerin und berät und trainiert Unternehmen in der Organisationsentwicklung, im Change- und Konfliktmanagement sowie in der Unternehmensführung. In unserem Interview verrät sie, warum Emotionen im Job wichtig sind und was ihr darüber während eurer Studienjahre lernen könnt.

 

1. Frau Uth, was bedeutet es, Emotionen im Arbeitsalltag zu zeigen und weshalb ist dies wichtig bzw. wie profitiert man davon?

C. Uth: Grundsätzlich ermöglicht offener Umgang mit Emotionen zu hinterfragen, was bremst denn diesen offenen Umgang aus? Denn erst, wenn ich weiß, was genau nicht funktioniert, kann ich gezielt nach Lösungen suchen. Das fördert Agilität, Veränderungswillen und Veränderungsfähigkeit – dazu braucht es Emotionen, denen sich ein Mensch bewusst wird. Ich nenne das auch Emo-Agility. Damit löse ich mich aus Emotionsblockaden, die Angst, mich zu blamieren, indem ich etwas Falsches sage. Das befähigt mich darüber hinaus dazu, klare Meinungen in Meetings zu äußeren. Und genau dieser Klartext ist es, mit dem ich mir Respekt erschaffe. Außerdem erkenne ich schneller Konflikte, denn ich bringe mehr Sensibilität mit und kann schneller ermessen, wenn andere emotional stecken bleiben. Das ist eine wichtige Basis für Lösungen und diese empathische Lösungskompetenz ist eine ziemlich gefragte Fähigkeit heutzutage, mit der ich meine Attraktivität wesentlich auf dem Markt steigere.

2. Das Bewusstsein der eigenen Emotionen und der bewusste und richtige Umgang damit gilt für Sie nicht nur für die obere Führungsebene in einem Unternehmen, sondern für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

C. Uth: Absolut.

3. Unsere Zielgruppe sind Studierende. Inwiefern erachten Sie es als bedeutsam, dass man als Studentin und Student während der Studienzeit für das Thema Emotionalität sensibilisiert wird?

C. Uth: Gerade als Student hat man unglaublich viele Herausforderungen. Man investiert enorm viel Zeit, Geld und Energie und hat somit mit einer ganzen Spannbreite an Emotionen zu tun. Das ist zum Beispiel Überdruck in Form von Wut, wenn es nicht so richtig läuft, oder Stress, weil die Zeit und das Geld davonlaufen. Oder Ärger, weil es andere scheinbar leichter haben. Oder Druck, weil alles zu viel ist. Oder eben auf der Kehrseite der Unterdruck in Form von Zweifel, ob es das Richtige ist oder Angst, ob man es überhaupt schafft. Oder Frust und Hilflosigkeit, wenn etwas schiefläuft. Man steht also immer wieder unter enormer Anspannung zwischen dem emotionalen Überdruck und dem Unterdruck. Und wem hilft es, wenn man zornig vor Wut wie ein Vulkan explodieren und die Wut an jemand anderen herauslassen? Umgekehrt hilft es ja auch niemandem, sich im stillen Kämmerlein zu vergraben und zu versuchen, es mit sich selbst auszumachen. Gerade deshalb ist es so wichtig, alltagstaugliche Tools auf der Hand zu haben mit denen man einen ausgeglichenen Emotionshaushalt schafft.

4. An welche Tools denken Sie dabei?

C. Uth: Nehmen wir mal beispielhaft das Emotionsventil für Wut. Gerade im Berufsleben unterdrücken viele ihre Wut und lassen diese dann im Freundeskreis, in der Familie etc. aus, weil sie sich das im Berufsleben nicht leisten können. Aber Wut bei Menschen, die einen wohlgesonnen sind, herauszulassen, ist es ja natürlich auch nicht ideal. Die Kunst ist es hierbei, eine Technik zu finden, indem ich das eigene Ventil öffnen und wie bei einer Dampflokomotive den eigenen Dampf ablassen kann, den Rest der Energie, die noch in mir ist, zu behalten. Denn Emotion ist nichts anderes als Energie. Wenn ich also den Überdruck abgebaut habe, dann nutze ich diese „gute“ Wut-Energie, um voranzukommen.

5. Sie haben Betriebswirtschaft studiert und waren jahrelang in der Außenwirtschaft tätig. Welche Erkenntnisse konnten Sie aus Ihrem Studium und Ihrer Tätigkeit im internationalen Vertrieb gewinnen?

C. Uth: Das Wichtigste für meine Karriereentwicklung war während der Studienzeit, dass ich lernen musste, mich sehr schnell auf die unterschiedlichen Professoren oder Prüfer einzustellen und möglichst schnell herauszufinden „Was brauchen sie von mir?“, damit ich im Studium vorankomme. Genau diese Eigenschaft hat mir auch sehr viel im Berufsleben geholfen, denn je schneller ich erkenne, was der andere Mensch braucht – und ob ich es auch leisten kann –, desto schneller komme ich im Leben voran. Ferner kann ich aus meiner Zeit im internationalen Vertrieb einen sehr wichtigen Ratschlag für das weitere Berufsleben mitgeben: Behandeln Sie Ihre Kollegen und Mitarbeiter genauso wie Ihre Kunden oder Geschäftspartner.

6. Erzählen Sie uns dazu von einem Beispiel aus Ihrem Arbeitsleben damals?

C. Uth: Sehr gern. Als Manager International Sales war ich im Bereich Development Tools (Entwicklungswerkzeuge) für Microcontroller (Halbleiterchips) tätig und es war meine Aufgabe, unser Vertriebsnetz weiter auszubauen. Da die Akquise von einzelnen Vertriebspartnern ziemlich mühsam war, habe ich nach einem Weg gesucht, wie ich diesen Prozess beschleunigen könnte. Meine Idee war es, direkt an die Hersteller der Microcontroller und deren Distributoren heranzutreten. Dabei habe ich mich gefragt „Was könnte deren Motivation sein, mit uns zusammen zu arbeiten?“. Das war eigentlich gar nicht so schwer. Als ich dann aber meine Kollegen vom Inlandsteam mit ins Boot holen wollte, habe ich da den entscheidenden Fehler gemacht: Ich hatte mich gedanklich und emotional in die Welt der Halbleiterhersteller und deren Distributoren „hineingebeamt“ (lacht), aber nicht in die Welt meiner Kollegen! Was war also das Resultat daraus? Meine Kollegen haben meine Idee dieser Veränderung erst einmal abgelehnt, ganz typisch nach dem Motto „Das haben wir auch probiert und es hat nicht funktioniert.“ Ich habe jedoch nicht aufgegeben und habe das mühsam mit meinem International-Sales-Team durchgezogen, was mich ziemlich viel Kraft gekostet hat. Später, als dann die Erfolge kamen, sind uns die Inlandsvertriebler gefolgt. Lessons learned – sprich die Sprache der Menschen, die du begeistern möchtest!

7. Beschreiben Sie uns gerne typische TeilnehmerInnen aus Ihren Seminaren.

C. Uth: Jeder Mensch ist anders und somit komme ich auch mit unterschiedlichen und individuellen Themen, Bedürfnissen, Motiven etc. in Berührung. Genau das ist das, was mich an meiner „Emo-Work“ erfüllt, denn mir wird dadurch nie langweilig. Eines, was die Menschen, die ich trainiere, eint, sind Herausforderungen, Probleme und Konflikte, bei denen die Lösung nicht klar ist. Das erscheint aber nur so, weil eben unbewusste Emotionen im Vordergrund oder zwischen ihnen und der Lösung stehen. Die Menschen sind sich dessen aber nicht bewusst und genau das führt dazu, dass sich die Problemberge anhäufen. Darüber hinaus ist es ihnen oft nicht klar, dass eine Sehnsucht da ist, sich von dieser Last zu befreien. Stattdessen steht die Unzufriedenheit im Vordergrund und die Menschen können nicht wirklich benennen, was die Ursache dafür ist. Aber im gemeinsamen Gespräch finden wir das ganz schnell heraus: Sie wünschen sich meistens Klarheit, Handlungsfreiheit, Kraft und Energie, um das Problem endlich lösen zu können.

Erp4students bedankt sich ganz herzlich bei Carmen Uth für diesen spannenden Einblick in die Welt der Emotionen im Berufsleben.                                       

                                                                                                      von Gohar Zatrjan

Wenn ihr mehr über die Arbeit von Carmen Uth erfahren wollt, findet ihr in ihrem Blog unter chancemotion.de/blog zahlreiche Interviews zum Thema Emotionshaushalt mit bekannten Gesichtern wie z. B. Judith Williams, Sabrina Setlur, Klaus Hipp, Sven Hannawald u. v. m.

Quellen

- www.chancemotion.de
- Wikipedia: Microcontroller

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